Die sieben Lehrlinge
Von JeanIsBald

1. Der Auftrag
Akara, die Hohepriesterin des verborgenen Auges, ließ ihren Blick
nachdenklich über das armselige Lager, das vom verbleibenden Rest ihres
Ordens bewohnt wurde, schweifen. Eine behelfsmäßig aus Baumstämmen und Ästen
gezimmerte Hütte, die Charsi, der Schmiedin, als Werkstatt diente, ein ebenso
behelfsmäßig ausTierhäuten gefertigtes Zelt, in dem sie selbst ihre Tränke
lagerte, das große Schlafzelt, das für alle als Unterkunft diente, ein paar
Ochsenkarren, auf denen die wenigen Habseligkeiten lagen, die sie hatten
retten können, und dazwischen einige friedlich grasende Kühe und aufgeregt
herumlaufende Hühner - das war alles, was von ihrem einst so stolzen Konvent
des verborgenen Auges übrig geblieben war, seit Andariel, die Maid des
Schmerzens, mit ihren Heerscharen der Hölle über ihr Kloster hergefallen war.
Sie musste ihrer Sache ganz sicher sein. Sie rief sich noch einmal den alten
Orakelvers in Erinnerung:
Wenn die Hoffnung droht zu zerstieben,
Dann kommen die Sieben.
Sind sie auch erst nicht die Stärksten von allen,
Größer und größer wird ihre Macht,
Bis es vollbracht,
Bis die großen Übel sind gefallen
Sie betrachtete noch einmal jeden einzelnen der sieben Fremden, die im Laufe
des Tages ins Lager gekommen waren. Da war dieser Muskelberg mit dem bis auf
einen Zopf kahl geschorenen Kopf und dem bemalten Gesicht - eindeutig ein
Barbar aus den nördlichen Steppen. Da war diese kleine, schmächtige, fast
zerbrechliche Frau mit den langen schwarzen Haaren - eine Zauberin vom Clan
der Zann-Esu. Da war dieser in Pelze gehüllte Riese - ein Druide aus den
Wäldern Scosglens. Da war diese kurzhaarige, etwas spärlich gekleidete Frau
mit den durchdringenden Augen - eine Attentäterin vom Orden der Viz-Jaq'taar.
Da war diese ungesund aussehende hagere Gestalt mit dem ausgezehrten Gesicht
und der langen weißen Mähne - ein Totenbeschwörer des Rathma-Kultes. Da war
diese durchtrainierte Kämpferin mit dem blonden Pferdeschwanz - eine Amazone
von den südlichen Inseln. Und da war dieser dunkelhäutige Krieger mit dem
Blick, in dem das Feuer des Glaubens leuchtete - ein Paladin der Zakarum.
Aber so unterschiedlich sie auch waren, etwas hatten sie gemeinsam. Sie alle
wirkten jung und vollkommen unerfahren. Und sie alle waren miserabel
ausgerüstet für den Kampf gegen das Böse.
Akara seufzte. Sie wünschte, sie könnte sich sicherer sein. Der Gedanke,
sieben junge Menschen vielleicht in den Tod zu schicken, gefiel ihr gar
nicht. Aber hatten sie eine andere Wahl? Deckard Cain würde es gewußt haben,
aber wo war Deckard Cain? Hatte er das Gemetzel von Tristram überlebt?
Sie trat an Kashya, die Anführerin der Jägerinnen im Kampf, heran, die die
Sieben ebenfalls mit ihrem kritischen Blick musterte.
„Was hältst du von ihnen?“ fragte sie leise.
„Eine Ansammlung von Lehrlingen“ gab Kashya zurück. „Ich frage mich, warum
sie hierher gekommen sind.“
„Und ich frage mich, ob es vielleicht die Sieben sind, die in den alten
Prophezeiungen erwähnt werden.“
„Die da? Im Leben nicht!“ schnaubte Kashya verächtlich.
„Wir sollten sie ans Feuer einladen und sie ausfragen“ meinte Akara.
„Ich werde Charsi beauftragen, sie zu uns zu bitten.“
Kashya begab sich zur Hütte der Schmiedin und wechselte ein paar Worte mit
ihr. Charsi ging von einem zum anderen der sieben Neuankömmlinge und redete
auf sie ein.
Akara setzte sich währenddessen auf eine Decke am Feuer und starrte in die
Flammen. Kashya gesellte sich zu ihr, und dann trudelten auch die sieben
Fremden einer nach dem anderen ein. Akara winkte ihnen, Platz zu nehmen.
„Ich bin Akara, Hohepriesterin der Schwestern vom Verborgenen Auge. Wir haben
euch zu uns gebeten, weil wir hier selten Fremde sehen, und nun kommen gleich
sieben an einem Tag. Ihr werdet verstehen, daß uns das ein wenig neugierig
macht. Vielleicht erzählt ihr uns, was euch zu uns führt.“
„Und ich bin Kashya. Akara mag unsere spirituelle Anführerin sein, ich jedoch
befehlige die Jägerinnen in der Schlacht. Und es bedarf mehr als nur ein paar
Bestien in der Wildnis zu töten, um mein Vertrauen zu gewinnen.“
„Frauen in der Schlacht - pah!“ murmelte der Barbar.
Kashya hob die Augenbrauen und wollte schon zu einer energischen Gegenrede
ansetzen, auch die Zauberin, die Amazone und die Attentäterin schienen das
nicht unwidersprochen hinnehmen zu wollen, aber Akara kam ihnen zuvor.
„Nun, ihr habt gewiss Euren Kampfgeist in vielen Barbarenschlachten erprobt.
Vielleicht erzählt ihr uns ein wenig davon?“
Der Barbar lief rot an und begann verlegen zu stammeln: „Nun, ich. äh, also
ich habe noch nie... das ist mein erster... also mein erstes“
„Ihr zieht das erste mal in die Schlacht?“
„Äh... ja. Ich heiße Cormag. Kriton, unser Oberbefehlshaber, hat mich hierher
geschickt. Ich verstehe nicht ganz warum, denn eigentlich hat meine
Ausbildung noch gar nicht angefangen. Er sagte irgend etwas von alten
Prophezeiungen, die erfüllt werden müssen.“
Diese Worte riefen bei den anderen sechs Neuankömmlingen große Überraschung
und ein Durcheinander von Rufen wie „Ich auch!“oder „Ganz wie bei mir!“
hervor.
Akara nickte. Offensichtlich war sie nicht die einzige, die spürte, das etwas
in der Luft lag. Und ihre Vermutung, daß es sich um die Sieben aus den
Prophezeiungen handelte, schien sich zu bestätigen. Sie hob die Hände in
einer beschwichtigenden Geste.
„Ganz ruhig, einer nach dem anderen.“ Sie zeigte auf die Amazone. „Ihr
zuerst.“
„Mein Name ist Alania. Ich bin eine Amazone von den südlichen Inseln. Auch
meine Ausbildung hat eigentlich noch nicht begonnen, von ein wenig
körperlicher Ertüchtigung einmal abgesehen, die ja auch Cormag genossen zu
haben scheint. Kaliki, unsere Anführerin, hat mich hierher gesandt. Auch sie
sagte etwas von alten Prophezeiungen und daß es Zeit für die Sieben sei. Und
sie sagte, sie habe immer gewußt, daß eine von den Sieben eine Amazone sein
würde.“
Akara nickte wieder. Eine andere Prophezeiung hatte die Stämme, Clans und
Orden genannt, aus denen sich die Sieben zusammensetzen würden.
„Laßt euch gesagt sein, daß wir Amazonen den Barbaren in der Schlacht in
nichts nachstehen, Cormag“, fügte Alania noch hinzu.
„Ha!“ ließ sich Cormag erneut vernehmen.
„Wie ist es mit Euch?“ fragte Akara den Totenbeschwörer.
„Ich bin Nokryon, ein Anhänger des Rathma-Kultes. Normalerweise kümmern wir
uns nicht um Gut oder Böse, wir glauben an das Gleichgewicht der Kräfte, aber
Kyros, unser geistiges Oberhaupt, ist der Ansicht, daß das Böse die Oberhand
gewinnt. Auch er sprach von alten Prophezeiungen. Warum er ausgerechnet mich
ausgewählt hat, weiß ich wirklich nicht. Ich habe bisher nur an den
allgemeinen geistigen Übungen teilgenommen und beherrsche noch keine der
magischen Fähigkeiten, für die wir Totenbeschwörer bekannt sind.“
‚Na großartig’, dachte Kashya. ‚Ich hatte recht. Es sind wirklich sieben
Lehrlinge.’
„Und ihr?“ Akara deutete auf die Zauberin vom Clan der Zann-Esu.
„Man nennt mich Marsilis. Ich bin schon seit 11 Jahren beim Clan der
Zann-Esu, habe aber bisher nur an den ersten geistigen Übungen teilgenommen.“
‚Und dein geistiges Potential ist bereits sehr hoch entwickelt’, dachte
Akara, die eine enorme magische Kraft von ihr ausgehen fühlte, die sogar noch
stärker als beim Druiden oder beim Totenbeschwörer war. „Meine eigentliche
Ausbildung sollte erst jetzt beginnen, aber Drione, unser Clan-Oberhaupt,
meinte, ich würde alles schon selbst lernen, wenn ich es brauche. Es sei nun
die Zeit für die Sieben, und die Befreiung des Klosters der Schwestern vom
Verborgenen Auge sei die erste große Aufgabe. Deshalb bin ich hierher
gekommen.“
„Wie steht es mit Euch, mein Freund?“ wandte sich Akara an den Druiden.
„Ich bin Mostox von den Druiden, die die Caoi Dulra betreiben, und kann mich
eigentlich nur den Worten von Marsilis anschließen. Auch meine Ausbildung hat
noch nicht begonnen. Kalgor, unser Clan-Oberhaupt, hat auch von den Sieben
gesprochen, und als ich ihn fragte, warum er niemanden mit mehr Erfahrung
ausgewählt hatte, meinte er nur, daß die Macht der Sieben wachsen müsse und
werde.“
‚Sind sie auch erst nicht die Stärksten von allen, größer und größer wird
ihre Macht’, dachte Akara. ‚Ich hoffe nur, daß ihr wirklich die Sieben
seid.’ „Nun ihr“, bedeutete sie der Attentäterin.
„Mein Name ist Raguna, und ich bin vom Orden die Viz-Jaq'taar, der Magier
jagt, die dem Bösen anheim gefallen sind.“ Hierbei warf sie Nokryon einen
argwöhnischen Blick zu, den dieser jedoch gar nicht beachtete. „Bei mir ist
es wie bei den anderen: Keine Ausbildung, keine Erfahrung. Sandana, das
Oberhaupt unseres Ordens, sprach von großen Aufgaben, die anstünden, und vom
alles entscheidenden Kampf. Und daß die Macht der Horadrim wieder erstarken
müsse.“
Bei diesen Worten gab es Akara einen Stich, und sie mußte wieder an Deckard
Cain, den Letzten der Horadrim, denken.
„Nun seid nur noch Ihr übrig. Erzählt von Euch!“ forderte sie den Paladin
auf.
„Ich bin Tigon vom Orden der Zakarum-Paladine. Auch ich bin noch nicht
ausgebildet. Sator, unser oberster Priester, hat mich auf diese Mission
gesandt. Auch er sprach von den Sieben. Aus eurem Gebaren entnehme ich, daß
ihr glaubt, daß wir diese Sieben sind. Aber was genau ist mit diesen
‚Sieben’ gemeint?“
„Eine gute Frage“, versetzte Akara. „Es gibt alte Prophezeiungen, daß sich
in der Zeit höchster Not und Gefahr eine Gruppe von sieben Helden aus den
verschiedensten Clans und Orden finden wird, die die drei Großen Übel
letztendlich besiegt.“
„Wer sind die drei Großen Übel?“ erkundigte sich Cormag.
„Es sind drei Dämonenbrüder: Mephisto, der Herr des Hasses, Diablo, der Herr
des Schreckens, und Baal, der Herr der Zerstörung.“
„Aber Diablo ist doch in der Kathedrale von Tristram besiegt worden“ wandte
Marsilis ein.
„Und Mephisto und Baal sind gefangen“, ergänzte Tigon.
„Es gibt Anzeichen dafür, daß Diablo in der Gestalt eines dunklen Wanderers
durch die Lande zieht. Und ihr habt doch sicher vom Fall Tristrams gehört?“
Die Sieben nickten.
„Nun, das scheint Diablos Werk gewesen zu sein. Und er war es wohl auch, der
Andariel, die Maid der Schmerzen, auf unser Kloster hetzte. Und nun befürchte
ich, dass er seine Brüder befreien will.“
„So daß die drei Großen Übel vereinigt wären?“ fragte Alania.
„Das darf nicht geschehen!“ rief Nokryon energisch aus.
„Ihr wollt also gegen die drei Großen Übel antreten?“
„Ich bin gern dazu bereit“, meinte Raguna, „aber wie sollen sieben so
unerfahrene Kämpfer wie wir gegen die drei Großen Übel bestehen?“
„Ihr werdet reichlich Gelegenheit haben, Erfahrung zu sammeln, bevor ihr den
Großen Übeln gegenübersteht. Wenn ich nur wüßte, ob ihr wirklich die Sieben
seid. Aber ich habe einen Test für euch. Seid ihr bereit, ihn zu bestehen?“
Die Sieben äußerten einer nach dem anderen Zustimmung. ‚Mut haben sie ja
reichlich’, dachte Akara. ‚Aber ob das ausreicht?’
„In der Wildnis gibt es einen mächtigen Ort des Bösen. Kundschafter von
Kashyas Jägerinnen haben mich informiert, daß in einer Höhle in der Nähe
Geschöpfe des Schattens und Schrecken von jenseits des Grabes hausen. Ich
fürchte, diese Kreaturen rotten sich für einen Angriff auf unser Lager
zusammen. Wenn ihr uns wirklich helfen wollt, findet das dunkle Labyrinth und
vernichtet die widerlichen Bestien. Möge das Große Auge über euch wachen!“
„Die Dämonen in dieser Höhle haben viele meiner besten Bogenschützinnen auf
dem Gewissen“, fügte Kashya hinzu. „Ich frage mich, wie es euch ergehen
wird.“
„Ich werde jedem von euch vier Heiltränke und zwei magische Schriftrollen
mitgeben. Eine dieser Schriftrollen öffnet ein magisches Portal, durch das
ihr, wenn ihr in Gefahr seid, in dieses Lager zurückkehren könnt; die andere
Schriftrolle dient dazu, magische Gegenstände zu identifizieren. Es gibt nur
einen, der dies ohne eine magische Schriftrolle tun kann - Deckard Cain, der
Letzte der Horadrim.“
„Einige meinerJägerinnen haben mir von Deckard Cain erzählt“, warf Kashya
ein. „Sie sagten, er sei ein weiser Mann. Ich persönlich weiß nicht, wie
weise er sein kann, wenn er nie gelernt hat, selbst zu kämpfen.“
„Geht jetzt und ruht bis morgen früh“, fügte Akara hinzu. „Ihr werdet alle
eure Kräfte brauchen. Und noch etwas: Denkt daran, daß ihr nur zusammen stark
seid, also laßt kein böses Blut zwischen euch aufkommen.“
Mit diesen Worten erhob sie sich von der Decke, auf der sie gesessen hatte,
und verschwand in dem kleinen Zelt, das sie bewohnte. Auch Kashya stand in
einer fließenden Bewegung auf und ließ die Sieben am Feuer zurück.
„Und jetzt?“ fragte Mostox.
„Morgen früh geht es in den Kampf!“ rief Cormag begeistert aus.
„Oder in den Tod“, fügte Alania leise hinzu.
„Der Tod ist nur ein anderes Stadium der Existenz“, bemerkte Nokryon.
Raguna sah ihn mißtrauisch an. „Die Ansicht eines Schwarzmagiers?“
„Es ist nicht alles schwarz und weiß. Das ist eines der ersten Dinge, die man
in unserem Orden lernt.“
„Eine gute Ausrede, um mit dem Bösen herumzuspielen“, versetzte Raguna kalt.
„Hört auf!“ ging Marsilis dazwischen. „Akara hat gesagt, daß wir kein böses
Blut aufkommen lassen sollen, und sie hat recht.“
„Wenn wir wirklich die Sieben sind, müssen wir zusammen halten“, fügte Tigon
hinzu.
Raguna schien keineswegs überzeugt zu sein, schwieg aber.
Die Schmiedin Charsi gesellte sich zu ihnen. „Ihr geht also morgen auf das
Blutmoor hinaus, um die Höhle des Bösen zu suchen?“ erkundigte sie sich.
„Also Blutmoor heißt die Wildnis da draußen?“ fragte Tigon.
„Ja. Zombies und Stachelratten treiben sich dort herum. Widerliche Kreaturen.
Und es wird berichtet, daß in der Höhle des Bösen ein Zombie-Anführer umgeht,
der Totenfeuer heißt. Hütet euch vor ihm!“
„Wir werden ihn in das Grab zurückschicken, aus dem er auferstanden ist“ gab
sich Nokryon zuversichtlich.